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In diesen Tagen nimmt das neue Schuljahr richtig Fahrt auf. Die Arbeitsmaterialien sind vollständig, die neuen Stundenpläne haben ihre Feuertaufe bestanden, nachmittags geht es an die Hausaufgaben. Die Fünftklässler haben Tuchfühlung mit den Lehrern und ihren neuen Mitschülern aufgenommen, bald ergänzen die Wahlpflichtfächer den schulischen Timetable.

Unendlich viele Türen und hinter jeder ein Unterrichtsraum – auf Victoria wirkt die Knabenrealschule während der ersten Schultage wie ein Labyrinth. Wie leicht kann man sich in den weiträumigen Fluren, den Chemie- und Physikräumen und dem vielfältigen Sportstättenprogramm verlaufen. Und dann die vielen Menschen, die alle mindestens einen Kopf größer sind als sie und ihre Klassenkameraden und - kameradinnen: Regelrechte Massen wälzen sich durch die Gänge im Schulhaus, über den Schulhof und durchs Treppenhaus. Irgendwie erscheint Victoria hier alles riesenhaft und übergroß - und auch ein bisschen unheimlich.

Vielen Fünftklässlern, so eine Studie der Universität Dortmund zum Thema Übergangsprobleme in weiterführende Schulen, bereitet die Umstellung auf das neue, unübersichtliche Schulgelände besondere Probleme: Sie fühlen sich unwohl, weil sie das Schulhaus noch nicht gut genug kennen und die Wege ihnen noch fremd sind. Leichter wird es für Kinder, wenn sie wissen, was sie erwartet und wie es in ihrer neuen Schule aussieht. Sie fühlen sich dann weniger fremd und verloren.

117 Mädchen und Jungen werden in der Realschule im Rupertiwinkel im kommenden Schuljahr in den vier fünften Klassen beschult. Richtig gehört, auch Mädchen sind mit von der Partie und das schon einige Jahre. In diesem Jahr sind es sieben junge Dirndl, die eigentlich keine sind, sondern sich von Traditionellem befreit haben und ihr eigenes Leben in die Hand nehmen. Zu ihnen gehört Victoria, 10 Jahre alt und vor einigen Wochen noch Freilassinger Grundschülerin. Victoria ist ein aufgeschlossenes junges Mädchen mit freundlichem Wesen, das gern von sich erzählt, ohne aufdringlich zu sein. So könnte es später mal in den Zeugnisbemerkungen seinen Niederschlag finden. Ihre neue Schule kennen zu lernen, hatte sie vor der Einschulung keine Gelegenheit.

„Aufgeregt war ich schon an diesem Morgen der Einschulung,“ so die Newcomerin an der Realschule im Rupertiwinkel. Schließlich seien die Ferien abwechslungsreich, erholsam und „einfach schön gewesen.“ Man habe gut abschalten können. „Doch jetzt soll es wieder losgehen.“ Als ihre Lieblingsfächer nennt sie Englisch, Werken und Kunst, die sind ihren Freizeitbeschäftigungen sehr ähnlich, nämlich dem Malen, Zeichnen und Basteln. Alles Tätigkeiten, die sich in irgendeiner Form an der Realschule bald wiederfinden werden. Die bayerische Realschule genießt ein hohes Ansehen in der hiesigen Bildungslandschaft. Ihr Motto: Fit für das Leben machen. Hier erhalten Schülerinnen und Schüler ein vielfältiges Bildungsangebot. Das Lernen ist stets durch einen Bezug zur Lebenswelt geprägt. Kultusministerin Anna Stolz fügt ergänzend an: „Der bayerische Realschulabschluss ist ein Erfolgsmodell und zugleich ein Qualitätssiegel weit über Bayern hinaus, er eröffnet zahlreiche Möglichkeiten und genießt höchstes Ansehen in Wirtschaft, bei den Betrieben und in der Verwaltung.“

Angst vor all dem Neuen, was auf sie zukommt, kennt Victoria nicht. Sie wirkt in sich selbst ruhend und verfügt über eine gute Portion Selbstbewusstsein. Das, was man eine gehörige Portion an Resilienz nennt, ist ihrem Wesen nicht fremd. Eine gute und stabile Schülerin, die alsbald Fuß fassen und ihren Weg in der Kerschensteinerstraße erfolgreich beschreiten dürfte. An eine reine Mädchenschule habe sie nicht gewollt, für sie sei gemischter Unterricht wichtig, um gute Leistungen zu bringen und „auch für die Persönlichkeit.“ Die Jahrgangsbeste des letzten Abschlussjahrgangs war übrigens auch ein junges Mädchen, das sich zuvor sechs Jahre lang erfolgreich gegen die männliche Konkurrenz behauptet hatte und die verschlungenen Pfade moderner Bildungsansprüch souverän hinter sich ließ.

In der Bundesrepublik Deutschland gibt es aktuell nur noch zwei Jungengymnasien sowie einige wenige Jungenrealschulen. Die Zahl der Jungenschulen ist in den letzten Jahrzehnten drastisch zurückgegangen. Auffällig ist die relative Häufung an Realschulen in Bayern, während es in Ostdeutschland keine einzige gibt. Mit Einführung der Koedukation in Deutschland wurden hierzulande fast alle staatlichen Knaben -, Jungen - oder Bubenschulen in gemischte Schulen umgewandelt. Victoria gehört zu den Schülerinnen und Schülern, die schon in jungen Jahren klare Vorstellungen von Schule haben. Außerdem ist sie sehr tierlieb. Daheim wartet Hamster „Flecki“ auf sie und dass endlich die Schule aus ist.

Johannes Vesper