Allen Lockerungen zum Trotz: Die Coronakrise macht der Wirtschaft weiter schwer zu schaffen. Das Geschäft läuft oft nur mit angezogener Handbremse, die Unsicherheit in den Betrieben ist groß. Für Hunderttausende Schüler, die in den nächsten Wochen mit einem Abschluss ihre Schule verlassen werden, gäbe es wahrlich bessere Zeiten, um ins Berufsleben zu starten! Die Krise trifft Schulabgänger genauso wie Ausbildungsbetriebe. Beide Seiten sind tief verunsichert.

Bei der Bundesagentur für Arbeit waren im Mai 455.000 Ausbildungsstellen für das kommende Lehrjahr gemeldet. Rund 39.000 weniger als vor einem Jahr – das ist ein Rückgang von rund 8 Prozent. Eine Stabilisierung des Lehrstellenmarktes ist umso dringender, als die Lage auch vor Corona nicht unproblematisch war. Nach dem neuen nationalen Berufsbildungsbericht ist der Anteil der Betriebe, die Lehrlinge ausbilden im vergangenen Jahr erneut gesunken und liegt nun bei 19,7 Prozent. Es bildet also nicht einmal mehr ein Fünftel der Unternehmen aus.
Aktuellen Umfragen zufolge haben von den großen Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern ein Fünftel überhaupt keine Lehrlinge beschäftigt. Um den Ausbildungsmarkt zu stützen, wurde in der letzten Juniwoche das Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern“ verabschiedet.
Möglichst alle jungen Menschen sollen eine Ausbildung beginnen und erfolgreich abschließen können, vor allem auch im Hinblick der Fachkräftesicherung. Im Einzelnen gilt es, Ausbildungskapazitäten zu erhalten und auszubauen, Kurzarbeit für Auszubildende zu vermeiden, die Auftrags- und Verbundausbildung zu fördern und Anreize zur Übernahme im Falle einer Insolvenz zu schaffen. So sieht es das Konzept der Regierung vor.
Dafür hat sie ein 500 Millionen Euro schweres Hilfsprogramm für kleine und mittelgroße Ausbildungsbetriebe auf den Weg gebracht. Für jeden abgeschlossenen Ausbildungsvertrag für das Lehrjahr 2020/ 21 erhalten Betriebe mit bis zu 249 Beschäftigten 2000 Euro, für jeden zusätzlich geschaffenen Ausbildungsplatz 3000 Euro und für die Übernahme Auszubildender aus pandemiebedingten Insolvenzbetrieben gibt´s 3000 Euro.

Auch in der Krise müssen Betriebe und Jugendliche zusammenfinden“, so Wirtschaftslehrer Herr Herold. Herr Herold organisiert seit Jahren die Ausbildungsmesse an der Knabenrealschule. "Gerade kleine Betriebe brauchen Unterstützung dabei, ihre Stellen zu besetzen." Zudem gelte es, in aus Sicht der Jugendlichen weniger populären Branchen die Rahmenbedingungen für die Ausbildung zu verbessern, zum Beispiel in der Gastronomie und im Einzelhandel.

Auch im hiesigen Raum diktiert in diesen Monaten und Wochen Corona die Spielregeln auf dem Arbeitsmarkt. Nichts ist sicher, scheinbare Perspektiven sind häufig nur Konstrukte auf spekulativer Basis. Im Moment sind die Schüler, die jetzt ihre Abschlüsse machen, optimistisch. Und das ist gut so. Nur Wenige sind noch unentschlossen oder stehen mit leeren Händen da, weil sie in diesen Tagen eine Absage erhielten und das Versprechen auf einen Lehrvertrag nicht eingehalten werden konnte. Jetzt geht es um Verlässlichkeit und Sicherheit in harter Zeit. Und mit ihrem Vorhaben, Lehrlinge auszubilden, meinen es die Unternehmen sehr ernst. Schließlich geht es auch um ihre Zukunft.

Immer öfters begegnet jungen Leuten heutzutage eine bestimmte Firmenphilosophie, wenn sie sich für eine Ausbildung in einem Unternehmen entscheiden. Ein Menschenbild, das die Arbeitskraft weit über den Produkten ansiedelt und ihr einen würdigen und achtbaren Stellenwert zuschreibt. So waren die Ausbildungsplätze (unser Foto) in allen sieben Ausbildungsberufen, vom Industriekaufmann bis zum Mechatroniker schon lange vor Corona besetzt: „Ob Azubi oder langjährige Mitarbeiter, wir investieren in individuelle Förderungen. Denn nur zufriedene Mitarbeiter sind motivierte Mitarbeiter, die uns alle weiterbringen.“ So kann es jedermann auf der Homepage der Pidinger Molkerei nachlesen. „Wenn es stets mehr Ausbildungsplätze als Bewerber gibt, muss sich ein Arbeitgeber etwas einfallen lassen, damit er für Azubis attraktiv ist und auch bleibt“, so Jutta Müller, Leiterin der Arbeitsagentur Traunstein, „dazu gehört auch, den zweiten Blick zu wagen und mit der Chance auch ein Ziel zu geben.“

Johannes Vesper

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